
Dr. Vroni Hackl ist Co-Gründerin vom KI Marketing Bootcamp. Wenn sie in Trainings fragt, wofür Marketing-Teams KI im Newsletter einsetzen, kommt fast immer dieselbe Antwort: zum Schreiben. Texte aus Stichpunkten, Betreffzeilen, CTA-Varianten. Klar, das funktioniert. Wenn du gut briefst, liefert ein Sprachmodell wie Claude oder ChatGPT brauchbare Texte.
Aber damit nutzt du nur einen Bruchteil der Fähigkeiten. In Vronis Augen ist das, was nach dem Texten passiert, oft spannender: das Prüfen, Challengen, Schärfen. Genau diese Möglichkeiten werden oft übersehen. Schade, denn hier liegt das Potenzial, sich von der Masse abzuheben.
In ihrem Gastbeitrag zeigt Vroni, was beim Schreiben mit KI tatsächlich gut funktioniert, wo die blinden Flecken liegen und wo der Mensch nicht wegzudenken ist.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Bei der Generierung sind aktuelle Sprachmodelle richtig stark, wenn du ihnen saubere Vorgaben gibst. Stichpunkte zu Fließtext umformen, 20 Betreffzeilen-Varianten in zwei Minuten, Tonalität anpassen, kürzen, übersetzen. Das spart spürbar Zeit. Drei Bedingungen sollten dabei stimmen:
Briefing rein: Zielgruppe, Markenstimme, Anlass.
Output stresstesten: Ein Check durch dich, nicht direkt in den Versand.
Wiederverwendbare Vorlagen: Einmal gut prompten, hundertmal nutzen.
Wenn das sitzt, ist Generieren gelöst. Und genau deshalb wird es Zeit, den nächsten Schritt zu machen.

Wir denken bei KI reflexartig an „Ich brauche Text, ein Sprachmodell macht Text“. Dabei ist die Nutzung als Prüfinstrument mindestens so wertvoll: „Ich habe Text, ein Sprachmodell sagt mir, was nicht stimmt.”
Warum funktioniert das oft sogar zuverlässiger? Weil Prüfen anders aufgebaut ist als Generieren. Beim Generieren muss ein Sprachmodell etwas „erfinden", mit allen Halluzinationsrisiken. Beim Prüfen vergleicht es deinen Text gegen klare Kriterien, die du vorgibst. Das ist in vielen Fällen sehr konkret beschrieben und damit weniger fehleranfällig.
Und ehrlich: Diese Art von Detailarbeit macht uns Menschen oft auch keinen Spaß. Wer hat Lust, vor dem Versand zum dritten Mal das Markenleitfaden-PDF zu öffnen?
Du gibst deinem Sprachmodell den Markenleitfaden (Wording-Verbote, Pflichtbegriffe, Stilregeln) und den fertigen Newsletter. Es listet auf, wo der Text vom Leitfaden abweicht, inklusive Vorschlag, wie du es korrigierst.
Rechtliche Triggerwörter, irreführende Versprechen, fehlende Pflichtangaben. Wichtig: Bei deinen eigenen Inhalten ist das Risiko gering. Sobald dein Sprachmodell externe Behauptungen prüfen soll („stimmt diese Statistik?"), brauchst du Quellen mitgeliefert. Sonst rät es. Das ist auch ein guter Sanity-Check für KI-generierte Texte selbst, falls dort fragwürdige Zahlen drinstehen.
Frag dein Sprachmodell: „Liest sich dieser Newsletter auf einem Smartphone in 30 Sekunden?", „Wo bricht der Lesefluss?" oder „Wo ist der CTA versteckt?". So wird schnell klar, ob du kürzen oder umstellen musst.
Diversity, Equity, Inclusion: Mein Lieblings-Use-Case, weil er einen Bereich abdeckt, der im Tagesgeschäft fast immer hinten runterfällt oder stiefmütterlich behandelt wird. Den passenden Prompt findest du weiter unten zum Mitnehmen. Klar, das ist nicht perfekt, aber dennoch ein sehr großer Schritt, wo bisher keinerlei Prüfung in dieser Richtung stattgefunden hat.
Hier wird es interessant: Du baust deine Persona als customized KI-Assistent. Du legst eine Rolle an, beschreibst sie sehr genau, und lässt sie deinen Newsletter aus ihrer Perspektive bewerten. Was springt ihr ins Auge, was ignoriert sie, wo klickt sie weg?
Beispiel: „Sandra, 42, technische Einkäuferin in einem Maschinenbau-Mittelständler. Hat heute schon zwei Newsletter überflogen. Klickt nur, wenn sie in den ersten zwei Sätzen weiß, was für sie drin ist." Wenn dein Newsletter Sandra nicht überzeugt, verändert sich auch dein Schreiben dauerhaft.
Ziel: Bewerte den unten stehenden Newsletter-Inhalt auf Konformitätmit Diversity-, Equity- und Inclusion-Prinzipien (DEI).
Leitlinien:
1. Diversity: Werden verschiedene demografische, kulturelle und identitätsbezogene Gruppen sichtbar (Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, Fähigkeiten, sozioökonomischer Hintergrund)?
2. Equity: Ist die Darstellung fair und frei von Stereotypen oder diskriminierenden Elementen?
3. Inclusion: Schaffen die Inhalte Zugehörigkeit und berücksichtigen sie unterrepräsentierte Gruppen?
Schritte:
1. Repräsentation: Welche Identitäten sind sichtbar? Wo herrscht Über- oder Unterrepräsentation?
2. Sprache: Werden inklusive Begriffe genutzt? Gibt es Stereotype oder Diskriminierung?
3. Visuelles: Sind Bildbeschreibungen / referenzierte Bilder divers? Wer wird ausgeschlossen?
4. Zugänglichkeit: Sind Alt-Texte, einfache Sprache, klare Struktur berücksichtigt?
5. Bewertung: Konkrete Verbesserungsvorschläge je Punkt.
Antworte auf Deutsch in einer strukturierten Tabelle:
Kriterium | Beobachtung | Vorschlag.
Newsletter-Inhalt:
[hier deinen Text einfügen]
Du bist ab jetzt [Name, Alter, Rolle, Branche].
Beschreibe in zwei Sätzen, wie dein Arbeitstag bisher lief, bevor du diesen Newsletter siehst.
Dann lies den unten stehenden Newsletter so, wie du ihn wirklich lesen würdest, mit deinem Zeitdruck, deinen Vorbehalten, deinen
Interessen.
Bewerte:
1. Was hat dich nach den ersten zwei Sätzen gepackt, was weggetrieben?
2. Welche Begriffe / Versprechen hast du sofort als Marketing-Sprech abgehakt?
3. Hättest du geklickt? Wenn ja, wo? Wenn nein, warum nicht?
4. Was müsste der Newsletter tun, damit du ihn weiterleitest?
Antworte aus deiner Rolle, nicht aus der Beraterperspektive.
Newsletter-Inhalt:
[hier deinen Text einfügen]
Richtig effizient wirst du, wenn du diese Prompts nicht jedes Mal neu schreibst. Leg sie als Vorlagen ab. Ich nutze dafür simple Markdown-Dateien wie tonalitaet-check.md oder myvoice.md, in denen meine Markenstimme einmalig sauber definiert ist. Beim nächsten Newsletter ziehe ich sie einfach in mein Tool.
Es gehört ein bisschen Disziplin dazu, das zu pflegen, da stimme ich zu. Aber es lohnt sich.
Genau hier liegt der unterschätzte Effizienzgewinn: Er zeigt sich nicht im einzelnen Versand. Er entsteht, wenn du jede Woche dieselbe Qualitätsstufe erreichst, ohne jedes Mal von vorne anzufangen.
Wenn du noch einen Schritt weitergehen möchtest, kannst du solche Prüfabläufe in wiederverwendbare Assistenten oder Skills überführen – entscheidend ist aber zuerst, klare Prüfkriterien und Prompts zu definieren.
Bevor also dein nächster Newsletter rausgeht, lass dein Sprachmodell gegen diese fünf Filter laufen:
Compliance: Sind Pflichtangaben drin, sind Versprechen belegt?
Lesbarkeit: Funktioniert der Text in 30 Sekunden auf dem Smartphone?
DEI: Ist der Newsletter divers, fair und inkludierend formuliert?
Persona: Würde deine wichtigste Zielgruppe wirklich klicken?
Fünf Minuten Aufwand. Spürbar bessere Newsletter.
Auch wenn KI bei jeder dieser fünf Disziplinen einen riesigen Schritt macht: die finale Freigabe bleibt bei dir. Ein paar Dinge kannst nur du beurteilen. Stimmt die Pointe wirklich? Passt der Newsletter zum Kontext dieser Woche? Würde ich das verschicken, wenn mich morgen jemand darauf anspricht?
Und zuletzt noch mein absoluter Pro-Tipp in Sachen KI-generierter Texte: Lies ihn laut vor. Notfalls deiner Katze. Spätestens beim lauten Vorlesen merken wir sofort, wo es im Text noch hakt.

Dr. Vroni Hackl ist KI-Enthusiasten durch und durch – und das schon länger, als es ChatGPT gibt. Sie ist Geschäftsführerin uncanny minds GmbH und Co-Founder des KI Marketing Bootcamps und gibt dort seit 2022 Kurse zum Umgang mit generativer KI. Als promovierte KI-Bildungsforscherin hat sie mehr als 15 Jahre Kommunikationserfahrung auf dem Buckel.
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